2 aus 7 auf der Schlieferspitze (3290m)

Die Schlieferspitze (3290m) und das Sonntagskees lachen uns schon die ganze Woche lang an

Heute sind wir die einzigen, die um 4 Uhr beim Frühstück sitzen, anscheinend geht heute niemand auf den Großvenediger. Auch brauchen wir zu Beginn diesmal wirklich die Stirnlampen, da wir erstens pünktlich wegkommen und zweitens gleich zu Beginn ein Klettersteig auf uns wartet. Im Abstieg.

Unser Ziel ist heute die Schlieferspitze auf der gegenüberliegenden Seite des Obersulzbachtals. Der Wanderweg von der Kürsingerhütte hinunter wurde vor einiger Zeit wegen Steinschlags gesperrt, stattdessen wurde ein leichter (gefühlt: B) Klettersteig angelegt. Und um die andere Talseite zu erreichen müssen wir diesen ca. 350 Höhenmeter absteigen.

Start um 5 Uhr
Gegenanstieg in der Dämmerung

Den Obersulzbach queren wir über eine kleine Brücke und beginnen in der Morgendämmerung den Anstieg. Auch dieser Weg ist mit Seilen gut versichert und stellt höchstens ein Motivationsproblem dar, denn nach etwa 1:45 Stunden haben wir gerade mal wieder die gleiche Höhe wie die Hütte erreicht. Nun kann’s also losgehen!

Gletscherzunge
Blick Richtung Krimmler Törl

Ein kurzes Stück gehen wir am Gletscher, die zwischenzeitlich aufgegangene Sonne sorgt für eine schöne Lichtstimmung.

Gletscherpanorama
Feuer & Eis

Nun wartet eine weitere unangenehme Passage, eine steile Geröllrinne müssen wir hinauf um endlich zum Sonntagskees zu kommen. 200 Höhenmeter – es geht dann aber doch ganz flott. Allerdings müssen wir aufpassen, keine Steine loszutreten.

Durch diese Geröllrinne müssen wir rauf
Oben entschädigt dieser Blick auf unser Ziel

Beim Gletscher angekommen, macht LaVic ihre „Drohung“ vom Vorabend war und beschließt, hier mit rutschger umzudrehen. Zu weit und zu lang erscheint ihr die weitere Tour. Ich verstehe zwar nicht ganz, warum sie gerade hier umdrehen will, jetzt wo die ganzen unangenehmen Aufstiege hinter uns liegen uns sich vor uns der Gletscher ausbreitet. Aber wenn der Kopf umdrehen will, sollen die Füße nicht weitergehen.

Und wie sich noch herausstellen wird, war das vielleicht gar keine so schlechte Entscheidung.

Ob’s besser gehen würde, wenn Orotl seine Steigeisen wachselt?

Nur mehr zu fünft machen wir uns auf, das Sonntagskees zu queren. Erst ein Quergang durch 30° steiles Eis, dann wird’s für eine Weile flacher, bevor es zu einer kleinen Scharte zwischen zwei Teilen des Gletschers hinauf geht. Oben wird angeseilt.

Durch’s Firnfeld zur kleinen Scharte
Aus der Ferne werden wir genau beobachtet

Es herrscht Bilderbuchwetter, im T-Shirt sind wir bis auf 3100m unterwegs. Doch das wird sich bald ändern…

Dem Ziel entgegen

Als wir den Grat erreichen ziehen mehr und mehr Nebelfetzen durch, doch noch sieht alles harmlos aus. Die Kletterei – der Alpenvereinsführer verspricht I-ten Grad – beginnt. Leicht macht es einem dieser Berg nicht, der Grat weist einige kleinere Gipfel auf, über die wir drüber müssen.

Am Grat über Blockwerk
Alle Körperteile werden zum Klettern benutzt

Plötzlich dann ein Rumpler im Nebel – es donnert. Nicht wirklich nahe, aber Gerald entscheidet: „Wir drehen um!“. Keine 10 Sekunden später fällt Regen, garniert mit Graupeln. Kurz später höre ich ein surrendes Geräusch hinter mir, und ich drehe mich um. Ich sehe natürlich nichts, aber mir wird klar, wo das Geräusch herkommt – mein Pickel surrt in der elektrisch aufgeladenen Luft. Nicht gut.

Vom Grat kommen wir jetzt nicht so schnell herunter, aber an einer etwas geschützteren Stelle warten wir ab. Irgendwie unheimlich, aber es schlagen keine Blitze in der unmittelbaren Umgebung ein, 2 bis 3 Sekunden zähle ich jedesmal.

Wir sitzen mitten im Gewitter – im Westen gibt’s aber schon wieder blauen Himmel

Der Spuk dauert nur wenige Minuten, dann beginnt es von Westen her aufzureißen und wenig später haben wir schon wieder perfekt blauen Himmel, während sich das Gewitter über dem Großvenediger austobt, aber auch von dort bald weiterzieht.

Sonne, ein Jauserl, ein Schluck Tee und schon sieht die Welt wieder besser aus. Das Gipfelkreuz lacht frech zu uns herunter. Mit den Worten „Schnapp ma’n uns?“ leitet Gerald den zweiten Gipfelsturm ein. Na, klar doch!

Orotl blickt dem Gewitter hinterher
Endstation für Orotl und Günter

Doch aus dem versprochenen „ersten Grad“ wird nach und nach ein 3er. Alfred ist der erste, der beschließt, die Beine hochzulagern und den Gipfelsturm von einem aussichtsreichen Platz zu beobachten.

Die nächste Schlüsselstelle ist eine plattige Reibungskletterstelle – ich mag das irgendwie und bin schnell oben. Gerald meint plötzlich „Zwei kleine Negerlein…“, erst da merke ich, dass sich auch Orotl und Günter zur Ruhe gesetzt haben.

Für Günter ist klar: Do geh‘ i net auffi!

Der Grat nimmt kein Ende, an einer Stelle verweigere ich dann fast. Wieder Reibungsklettern, diesmal mit Abgrund unterhalb. Fast brechen wir ab, da reicht mir Gerald seine Hand. Ich will mich eigentlich dran „nur“ anhalten, er zieht mich aber gleich rauf. Praktisch!

Nur mehr das Firnfeld, dann noch ein paar Felsen, irgendwann muss dieser Berg ja ein Ende haben…

Ein Firngrat stellt die letzte Hürde zum Gipfel dar, links und rechts geht’s doch recht steil runter. Aber es geht voran, noch ein paar Felsen sind zu erklettern und dann stehen wir beim Gipfelkreuz, ich kann es gar nicht fassen…

Firngrat zum Gipfel im Auf- (oben) und Abstieg (unten) aus verschiedenen Perspektiven

Lange bleiben wir nicht, mir graut ohnehin schon ein wenig davor, das jetzt alles wieder abklettern zu müssen. Aber Gerald schlägt vor, seitlich über das Firnfeld absteigen und am Gletscher im Bereich der Randkluft zu den wartenden Kollegen zu queren, das sollte wesentlich schneller gehen. Er wird schon wissen, was er tut.

Ein Gipfelfoto hab ich mitgebracht

Die ersten Schritte beim Abstieg über das 40° steile Firnfeld (gefühlt sind es mindestens 60°) mache ich sehr zögerlich, doch mittlerweile ist der Schnee sehr weich, dass ich tief einsinke und immer das Gefühl habe, sicher zu stehen.

Abstieg über das Firnfeld – über die Randkluft müssen wir zwei Mal drüber
Wieder im ‚Basislager‘

Die Randkluft lässt sich über zwei Schneebrücken sicher überqueren und bald sind wir wieder bei den anderen. Pause – jetzt fällt grad sehr viel Anspannung von mir ab…

Weiter hinunter gehen wir den gleichen Weg, den wir gekommen sind. Noch etwas Gratkletterei, dann die Gletscherquerung, gefolgt von der grausamen Schuttrinne – bergab ist’s echt kein Spass – und dann noch den Umweg runter zum Gletscherbach, der jetzt am Nachmittag wesentlich eindrucksvoller ist als noch in der Früh.

Die ehemalige ‚Türkische Zeltstadt‘, jetzt ein tosender Bach – auf uns warten noch 350 Höhenmeter hinauf zur Hütte

Über den – scheinbar nicht enden wollenden Klettersteig – erreichen wir nach 13 Stunden wieder die Kürsingerhütte.

Hier gibt’s noch die Fotos der Nixtuer, die ja auf halbem Weg kehrt gemacht haben.



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