Am Südalpenweg über die Petzen

Ein lange vernachlässigtes Projekt
Ein von mir lange vernachlässigtes Projekt

Beinahe fünf Jahre sind mittlerweile ins Land gezogen, seit ich den ersten Abschnitt am Südalpenweg 03 von Bad Radkersburg in der Steiermark bis nach Bleiburg in Kärnten absolviert habe. Ich hatte mir damals zwar die Fortsetzung vorgenommen, letztlich widmete ich meine Aufmerksamkeit anderen Wegen – allen voran natürlich meinem Projekt am Zentralalpenweg.

Trotzdem verlor ich den Weitwanderweg 03 nie aus den Augen, stehen doch im nächsten Abschnitt mit den Karawanken erstmals „richtige Berge“ am Programm. Zu Beginn erwartet mich die Überschreitung der Petzen inklusive der 2113m hohen Feistritzer Spitze.

Da es sam-, sonn- und feiertags keine brauchbaren öffentlichen Verkehrsmittel für den Rücktransport von Bad Eisenkappel zum Startpunkt in Bleiburg gibt, bietet sich das lange Wochenende mit dem Fenstertag am Freitag für die Tour an.

Die Entscheidung fällt kurzfristig nach Insiderinformation aus Kärnten betreffend Schneelage und potentieller Probleme im Zielgebiet: Würd die Tour machen, wenn’s Wetter passt – schwierig ist dort nix (O-Ton Hans)

Tag 1: Bleiburg – Siebenhütten – Kniepssattel

So geht’s also mit dem Auto zum Bleiburger Bahnhof, zwei Dinge springen mir sofort ins Auge, die sich seit dem letzten Mal geändert haben:

  • Der Bahnhof: Nigelnagelneu – damals grasüberwachsene Schienen, jetzt Inselbahnsteig mit Unterführung. Na gut, sowas ist schnell gebaut.
  • Ortstafeln: Zweisprachig, so wie sich’s gehört. 2008 waren gerade die kleinen slowenischen „Zusatztaferln“ aktuell. So etwas braucht in Kärnten bekanntlich Jahrzehnte.
Die erste Markierung führt mich nicht auf den Berg, sondern in den Untergrund
Die erste Markierung führt mich nicht auf den Berg, sondern in den Untergrund

Auch mein Wanderführer hat von erster Änderung nichts mitbekommen, spricht er noch vom Überschreiten der Gleise östlich des Bahnhofs, jedoch lenkt die Markierung den Weitwanderer durch die Unterführung auf die andere Seite des Bahnhofs, bergab statt bergauf. Bonushöhenmeter.

Zwischen Wäldern und Feldern
Zwischen Wäldern und Feldern

Doch gleich darauf verlässt der Weg die Zivilisation von Bleiburg und führt vorerst eben durch Wälder, Wiesen und Felder nach Feistritz ob Bleiburg und von dort zum Fuß des Petzenmassivs.

Grüner Tunnel
Grüner Tunnel

Noch versteckt sich die Petzen in Wolken, vermutlich ist es ohnehin besser, wenn ich die bevorstehenden 1600m Höhenunterschied nicht in ihrer vollen Pracht sehe. Mit 11.5 Kilo am Buckel wird das sicher ein Spaß.

Mein Ziel für heute hüllt sich in Wolken
Mein Ziel für heute hüllt sich in Wolken

Gut ein Drittel des Rucksackgewichts ist dem Wasservorrat geschuldet, auch habe ich Zelt, Matte und Schlafsack mit, welche ich für die Tour am John Muir Trail im Sommer besorgt habe. Ich plane, direkt am Gipfel zu übernachten, da ich aber nicht sicher bin, dort ein ebenes Platzerl vorzufinden, werde ich flexibel sein müssen.

Der Wetterbericht verheißt für heute den wärmsten Tag des Jahres, somit freue ich mich auf eine lauschige Nacht am Berg.

Manchmal geht's in der Diretissima nach oben
Manchmal geht’s in der Diretissima nach oben

Als der – außerordentlich gut markierte – Weg von der Straße abzweigt, beginnt er auch zu steigen. Somit ist der Hochnebel vorerst durchaus willkommen, sorgt er doch für Schatten.

Meist verläuft der Weg aber wesentlich gemütlicher
Meist verläuft der Weg aber wesentlich gemütlicher

Der Weg zeigt sich recht abwechslungsreich. Um nicht völlig verschwitzt anzukommen, versuche ich das Tempo zu dosieren, doch bei der hohen Luftfeuchtigkeit ist das zweckslos. Der Nebel steigt zwar immer höher und ich „erreiche“ ihn nicht, doch die Feuchtigkeit der Niederschläge der letzten Tage bleibt…

Düster: Zwischendurch hole ich den Nebel (fast) ein
Düster: Zwischendurch hole ich den Nebel (fast) ein
Der Weg führt durch Geröllfelder
Der Weg führt durch Geröllfelder
Wieder im alpinen Hochwald
Wieder im alpinen Hochwald
Alte Jagdhütte
Alte Jagdhütte
Stairway to Heaven
Stairway to Heaven

Zwei Pausen später bin ich bei Siebenhütten angelangt – hier stehen tatsächlich sieben Hütten (etwa der Art, wie man sie in Graz vom „Ackern“ kennt) sowie die Bergstation der Petzenseilbahn. Die allerdings gerade zwischensaisonbedingt außer Betrieb ist.

Bei Siebenhütten angekommen ist die Aussicht nur teilweise in Betrieb
Bei Siebenhütten angekommen ist die Aussicht nur teilweise in Betrieb

Hier genieße ich vorerst die eingeschränkte Aussicht.

Bei der Bergstation gibt es auch eine Webcam, Orotl (der vorsorglich „verkühlt“ war) habe ich im Vorfeld mein dortiges Erscheinen angekündigt. Möge er doch bitte ein paar Screenshots machen. Anscheinend tut er den ganzen Vormittag nichts anderes, denn ich erhalte folgendes SMS:

Hopp, hopp… Wo bleibst du? Ich glaub, ich muss dich doch mal begleiten und dir Beine machen

Da ich in dem Moment nur einen Katzensprung von der Webcam entfernt bin, bekommt er ein bin schon da zur Antwort und hat mich auf dem Bildschirm.

Klar muss er meckern: Ich stünde zu weit hinten und wäre zu klein. Also schnappe ich mir eine Bank und pflanze diese mitten ins Bild. Und mich drauf. Somit gelingt ihm der…

Beweis: ein alle Viere von sich streckender Faulgert

Die Webcam bei der Bergstation
Die Webcam bei der Bergstation

So so, faul schimpft er mich also. Ich werde also das Angebot, mich zu begleiten, wohl bald wörtlich nehmen müssen. Ihr seid jetzt alle meine Zeugen! Als ob das bei Orotl etwas helfen würde…

Der Weg ist noch unter einer Skipiste begraben
Der Weg ist noch unter einer Skipiste begraben

Der nächste Abschnitt ist mühsam, die folgenden 200 Höhenmeter verläuft der Weg entlang einer Skipiste und diese ist noch dick mit Schnee bedeckt.

Blick zur Feistritzer Spitze
Blick zur Feistritzer Spitze

Weiter geht es unschwierig entlang eines Rückens mit bester Aussicht in den Kniepssattel auf 2012m. Da mir bereits einige schöne potentielle Zeltplätze auffallen, beschließe ich, bereits hier zu übernachten.

im Kniepssattel (2012m)
im Kniepssattel (2012m)

Zuvor erkunde ich jedoch einen Stollen, der von früherem Bleibergbau zeugt. Allerdings geht es nur etwa 30 Meter tief in den Berg, dann ist Ende. Zu sehen gibt es nichts außer Keramikscherben und einer verrosteten Dose einer Limonademarke meiner Kindheit.

Alter Stollen im Kniepssattel
Alter Stollen im Kniepssattel
Wer ist alt genug, dass er sich an diese Limonade erinnern kann?
Wer ist alt genug, dass er sich an diese Limonade erinnern kann?
Im Stollen
Im Stollen

Im Kniepssattel verläuft auch die Staatsgrenze zu Slowenien. Mein Zelt schlage ich genau auf der Demarkationslinie auf, ich werde heute Nacht in zwei Ländern schlafen: Der Kopf in Slowenien, die Beine in Österreich.

Zeltplatz am Kniepssattel
Zeltplatz am Kniepssattel

Es beginnt leicht zu nieseln, daher gönne ich mir vorerst ein kurzes Nickerchen.

Die Grenzsteine nehmen hier seltsame Formen an
Die Grenzsteine nehmen hier seltsame Formen an

Rechtzeitig zum Sonnenuntergang hat es wieder aufgeklart und ich erklimme meinen namenlosen „Hausberg“ beim Grenzstein XX 68.

Überhaupt amüsieren mich die seltsamen Formen der Grenzsteine – die sonst üblichen Betonklötze wollte man hier anscheinend nicht herauftragen. Soweit haben die Herren in St. Germain anscheinend nicht gedacht.

Blick zum Kordeschkopf
Blick zum Kordeschkopf
Sonnenuntergang über der Feistritzer Spitze
Sonnenuntergang über der Feistritzer Spitze

Gegen 21 Uhr verkrümle ich mich endgültig in den Schlafsack.

Vom angekündigten wärmsten Tag des Jahres bleibt nicht viel über. Da es hier oben tagsüber die meiste Zeit bewölkt war und erst am Abend aufklart, kühlt es aus.

Den Winterschlafsack mitzunehmen wäre kein Fehler gewesen, der neue (Sommer-)Schlafsack gerät im Laufe der Nacht schön langsam an seine Grenzen. Allerdings darf er das, in der Früh liegt etwas Reif auf der Wiese und die am Vortag noch weichen Schneefelder sind hart gefroren. So kalt, dass ich mir das Fleece anziehen müsste, wird es allerdings nicht.

Tag 2: Knieps – Feistritzer Spitze – Luschasattel – Bad Eisenkappel

Den Sonnenaufgang verschlafe (besser: verfaulenze) ich, um 6:30 Uhr erkläre ich mich jedoch für abmarschbereit. Nach 10 Minuten bin ich auf dem Knieps, wo die erste Sonnenpause ansteht.

Gipfelfoto am Knieps (2110m)
Gipfelfoto am Knieps (2110m)
Blick in die Steiner Alpen
Blick in die Steiner Alpen: Skuta (2532m), Grintovec (2558m), Kočna (2540m), davor die Olševa
Pozor! Državna meja!
Pozor! Državna meja!

Dem Grat und der Staatsgrenze folgend führt der Weg nach Nordwesten zur Feistritzer Spitze. Die Grenze verabschiedet sich allerdings bald von meiner Route in Richtung Süden.

Schneefeld
Schneefeld

Nach kurzer Zeit stehe ich am mit 2113m höchsten Gipfel der Petzen, viele Weitwanderwege führen hier drüber (neben dem Südalpenweg auch die violette Via Alpina, der Kärnter Grenzweg und der neue Panoramaweg Südalpen)

Am Gipfel der Feistritzer Spitze (2113m)
Am Gipfel der Feistritzer Spitze (2113m)

Jetzt beginnt ein langer Abstieg, erst durch Latschen dann durch den Wald. Speziell im Latschenlabyrinth ist der noch verbliebene Schnee wenig hilfreich, da nicht immer klar ist, wo der Weg verläuft.

Der Abstieg beginnt...
Der Abstieg beginnt…
Latschenlabyrinth (1)
Latschenlabyrinth (1)
Latschenlabyrinth (2)
Latschenlabyrinth (2)
Bereits im Wald
Bereits im Wald

Auf etwa 1600m Höhe treffe ich auf eine Quelle, das ist das erste Trinkwasser auf der Tour. Von nun an gibt es immer wieder Möglichkeiten, aufzutanken aber bis hierher musste ich alles mittragen. Der Rucksack ist mittlerweile spürbar leichter.

Bei der Luschaalm
Bei der Luschaalm

Eigentlich muss ich ja nur mehr hinunter nach Bad Eisenkappel, jedoch wird das ein langer Weg. Was aus der Karte nicht so gut hervorgeht: Immer wieder warten kleine Zwischensteigungen. Am Ende des Tages wird das GPS neben 1800 Hm im Abstieg auch 400 Hm Aufstieg gemessen haben. Das war so nicht geplant.

Wiesenweg
Wiesenweg

Doch der Weg ist schön und abwechlungsreich, Forst-, Wiesen und Waldwege wechseln sich ab. Asphalt gibt es für ein kurzes Stück am Ende.

Feldweggeschlängel
Feldweggeschlängel

Ein älteres, aber sehr fit wirkendes Paar, welches vorbeispaziert als ich gerade eine Pause mache, rettet meinen Tag:

Ich: Griaß Eich!
Er: Griaß di, woast ganz oben?
Ich: Jo!
Er: Auf da Topitza?
Ich: Naaa, Petzen!
Er: Jössas!

Ich gebe eine kurze Beschreibung meiner Tour. Von wegen Bleiburg, Zelt und so… Sie zeigen sich beeindruckt, wir verabschieden uns.

Als ich sie dann wieder einhole geht es weiter:

Er: Machst öfter solche Touren?
Ich: Jo.
Er: Na du haltst ja no einiges aus – bist ja no a junga Bua!

Danke, hört man gerne! Auch wenn mich das Gefühl beschleicht, einen Bären aufgebunden zu bekommen – aber ist das nicht immer so, wenn jemand im Kärnter Dialekt zu einem spricht? 😉

Frühling
Frühling

Nur einmal verliere ich kurz den Weg. Wie es scheint, folge ich einer aufgelassenen Variante des 03ers. Die Markierung an der (vemeintlichen) Abzweigung ist zweideutig und dummerweise hängt bei einem Bauernhof (Gehöft Topitschnig) noch ein altes, verblasstes Südalpenweg-Taferl. Daher meine ich, am richtigen Weg zu sein, finde aber auf der Karte keinen passender Punkt zu meinem Standort. Zu allem Überdruß spricht das Weitwanderbüchlein ebenfalls in Oraklen.

Doch auf Verdacht gehe ich in die richtige Richtung und habe bald meine Markierung wieder.

Feldwege ohne Ende
Blick zurück, von den Bergen ganz hinten komm ich her
Blick zurück, von den Bergen ganz hinten komm ich her

Nach 6:30 Stunden erreiche ich schließlich Bad Eisenkappel, bis zum nächsten Bus bleiben noch 45 Minuten Zeit, welche sich ausgezeichnet mit einem wohlverdienten Eisbecher im Café am Hauptplatz überbrücken lassen.

1. Tag: 15 km, 1600 Hm, 7:10 Std.
2. Tag: 21 km, 400 Hm, 6:30 Std.

Somit wäre also ein lange vernachlässigtes Projekt wieder aufgenommen, hoffentlich dauert es bis zur nächsten Etappe, welche mich weiter durch die Karawanken führen wird, nicht weitere fünf Jahre…



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7 thoughts on “Am Südalpenweg über die Petzen

  1. Hmmm vielleicht kann ich Dich ja im Zuge Deines „ich-muss-mein-Equipment-noch-ein-paar-mal-ausführen“ an ein anderes Zeltschlafsackprojekt erinnern, dass ich für die nächsten Wochen auf meine To Do Liste geheftet hab.

    Wie macht man das heutzutage – so oder?

    #pivo #gschreams #würflinghöhe

  2. hallo gert,

    ein schoenes tourenbuch hast du da. bin vor allem schon gespannt, wenn es bei dir am suedalpenweg weitergeht.
    ich selbst plane fuer heuer ueber die karnischen weiterzugehen.

    gruss
    gtwo/gert

  3. Hallo Gert!

    Eine große Fortsetzung ist für heuer nicht geplant, möchte mich eher wieder dem 02er widmen. Aber die einer oder andere Tagestour möchte ich am Südalpenweg schon machen, vor allem auf die Aussicht vom Ferlacher Horn freue ich mich schon, da hat mir dein Bericht echt Gusto gemacht… 😉

    LG
    Gert

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