Zentralalpenweg 02: Samnaun & Paznaun

Erst sechs Tage ist es her, dass wir zum Abschluss der letzten Etappe mit knurrenden Mägen auf der Suche nach einem geöffneten Restaurant durch den kleinen Inntaler Ort Prutz geirrt sind. Heute habe ich hier die Qual der Wahl: Während mich das Taxi am Hauptplatz abliefert, öffnen die hiesigen Gasthöfe ihre Pforten und die Köche blasen zur kulinarischen Happy Hour.

Doch erst die Arbeit, dann das Vergnügen: Es ist nur eine kurze Etappe hinauf nach Serfaus, daher muss das leibliche Wohl noch warten.

Tag 43: Prutz – Serfaus

Auf dem Inntal-Radweg marschiere ich von Prutz nach Ried wo ich den Inn schließlich überquere. Auf der anderen Flussseite zuerst weiter auf einer Nebenstraße entlang des Inns zum Gehöft Frauns, von wo der Weg im steilen Zick-Zack eine Steilstufe hinauf zum Serfauser Feld überwindet und weiter auf einsamen Zufahrtsstraßen in den Skiort Serfaus führt, den ich nach zwei Stunden und einer halben erreiche.

So weit, so ereignislos. Heute ging es nur darum, den angebrochenen Anreisetag noch zu nützen und mir eine gute Ausgangs­position für die morgige Etappe herauszuarbeiten.

Ober diesen Hängen liegt Serfaus, da muss ich rauf!
Ober diesen Hängen liegt Serfaus, da muss ich rauf!
Vorbei an einer Lourdesgrotte
Vorbei an einer Lourdesgrotte
Einsame Straße im Tal
Einsame Straße im Tal
Die Fraunstobel-Schlucht betrete ich nicht
Die Fraunstobel-Schlucht betrete ich nicht
Stattdessen zieht der Weg steil hinauf
Stattdessen zieht der Weg steil hinauf
...und noch weiter hinauf
…und noch weiter hinauf
Blick auf Ried im Oberinntal
Blick auf Ried im Oberinntal
Jö, schau! Sogar einen John Muir Trail gibt es hier...
Jö, schau! Sogar einen John Muir Trail gibt es hier…
Serfaus ist eines der beiden österreichischen Dörfer mit einem eigenen U-Bahn Netz.
Serfaus ist eines der beiden österreichischen Dörfer mit einem eigenen U-Bahn Netz.

Tag 44: Serfaus – Furgler – See

Über die Zenobrücke verlasse ich Serfaus. Das nächste Ziel ist das Kölner Haus, eigentlich bequem mit der Seilbahn zu erreichen. Ich nehme hingegen den Zufahrtsweg, zum Aufwärmen ist die moderat steigende Schotterpiste (asphaltiert sind nur die Kurvenbereiche) gerade richtig.

Nach einer guten Stunde kann ich mir dafür am höchsten Punkt Kölns zur Belohnung eine Erfrischung bestellen – zwar kein Kölsch, doch selbst der Apfelsaft kommt in ungewohnt kleinen Behältnissen. Dem Wirt sei ins Stammbuch geschrieben: Null Komma vier is net groß!

Morgenspaziergang durch Serfaus
Morgenspaziergang durch Serfaus
Über die Zenobrücke nach St. Zeno
Über die Zenobrücke nach St. Zeno
Am Weg zum Kölner Haus
Am Weg zum Kölner Haus
"Historischer Schilderbaum" ebendort
„Historischer Schilderbaum“ ebendort

Auch weiter ginge es mit motorisierter Unterstützung: Mich irritiert weniger, dass der Zauberteppich zwischen Hütte und Lift auch sommers in Betrieb ist, als dass er von Touristen in Bergfexausrüstung auch benutzt wird.

Ein wenig muss ich den Fortsetzung meines Weitwanderwegs suchen, aber nach einer Ehrenrunde ums Kölner Haus bin ich bald auf einem grasigen Rücken unterwegs alleine mit hunderten Kühen.

Ab dem Furglersee steilt der Weg auf und statt Almboden ist nun Geröll die Wanderunterlage. Noch bevor ich das Furglerjoch erreiche, kann ich die Karawanen am Gipfelgrat erkennen.

Der Furgler ist einer der beliebtesten Gipfel der Samnaungruppe und auch ich möchte dort hinauf, denn mit seinen 3004 Metern ist er der letzte Gipfel über 2999 Metern, welcher von meiner Route schnell und leicht zu erreichen ist. Das Gipfelkreuz scheint bereits zum Greifen nahe.

Der kürzeste Weg von der Hütte zum Lift
Der kürzeste Weg von der Hütte zum Lift.
Am Weg zum Furglerjoch
Am Weg zum Furglerjoch
Die Wächter des Wanderwegs
Die Wächter des Wanderwegs
Furgler (links) und Furglerjoch
Furgler (links) und Furglerjoch
Schon über dem Furglersee
Schon über dem Furglersee
Am Furglerjoch
Am Furglerjoch

Der Weg vom -joch zum Furgler wartet mit einigen kleinen Klettereinlagen auf, nichts desto trotz sind hier alle Generationen unterwegs: vom durchgebeutelten Kleinkind in der Rückentrage bis zur rüstigen Oma mit dem Stock. Verständlich, denn das Panorama vom Furgler lässt sich wahrlich nicht lumpen. Nur die ganz hohen Gipfel der Ötztaler Alpen (Wildspitze, Weißkugel) schützen sich vor allzu neugierigen Blicken mit einem Wolkenhut.

Am Weg zum Furgler
Am Weg zum Furgler
Karawane im Fels
Karawane im Fels
Steil hinauf
Steil hinauf
Wo es nötig ist, gibt's auch was zum Anhalten.
Wo es nötig ist, gibt’s auch was zum Anhalten.
Die alpine Sicherungstechnik "Händchen halten" mag zwar charmant wirken, entspricht jedoch nicht der gültigen alpinen Lehrmeinung.
Die alpine Sicherungstechnik „Händchen halten“ mag zwar charmant wirken, entspricht jedoch nicht der gültigen alpinen Lehrmeinung.
3004 Meter. Und das Gipfelkreuz setzt nochmal 10 drauf.
3004 Meter. Und das Gipfelkreuz setzt nochmal 10 drauf.
Blick in die Tiroler, Vorarlberger und Schweizer Bergwelt
Blick in die Tiroler, Vorarlberger und Schweizer Bergwelt
Auch die Aussicht in die anderen Richtungen kann was!
Auch die Aussicht in die anderen Richtungen kann was!

Wieder vom Furgler abgestiegen wende ich mich dem Medrigjoch zu. Schnell wird es wärmer, nicht nur weil ich an Höhe verliere, auch die Wolken des Vormittags haben sich verzogen. Jenseits des Medrigjochs halte ich eine kühlende Rast im steinigen Bett des Schallerbachs. Trinken. Sitzen. Schauen. Wenig später wiederhole ich das Procedere bei der Ascher Hütte.

Aha-Erlebnis: Hier lang geht's also zur Ascher Hütte!
Aha-Erlebnis: Hier lang geht’s also zur Ascher Hütte!
Am Weg zum Medrigjoch
Am Weg zum Medrigjoch
Runter geht's immer schneller: Vor genau einer Stunde stand ich am Furgler
Runter geht’s immer schneller: Vor genau einer Stunde stand ich am Furgler
Anhaltepassage
Anhaltepassage
Pause im Bachbett: Unter den Steinen plätschert und gurgelt es
Pause im Bachbett: Unter den Steinen plätschert und gurgelt es
Blick zur Ascher Hütte
Blick zur Ascher Hütte
Über den Schallerbach
Über den Schallerbach

Ein paar Gehminuten nach der erneuten Querung des Schallerbachs beginnt der Tag verschütt‘ zu gehen. Habe ich mich schon bei der Ascher Hütte über den noch nicht in meiner Karte verzeichneten Seilbahn­neubau gewundert, erreicht der Weg nun auch noch eine frisch angelegte Skipiste, über die der Weg kerzen­gerade nach unten sticht.

Man hat zwar mit eingeschlagenen rot-weiß-rote Markierungs­pflöcke einen abwechslungs­reichen Zick-Zack-Kurs ausgesteckt, aber welcher Wanderer hält sich auf diesem frisch planierten braunen Band schon gerne länger auf als nötig? Die ausgetretene Spur bleibt der Falllinie treu.

Bei der monumentalen Talstation der Versingbahn folgt der nächste Tiefschlag: Den parallel zum Schallerbach ins Tal führende Weg verbietet mir ein rotes Schild. Als Alternative steht lediglich die Zufahrts­straße zur Verfügung, weit ausholend ringt sie mir viele Extra-Kilometer ab.

Man sagt, der erste Eindruck wäre jener, der zählt. In diesem Sinne: ein überragend schlechter Start für das Paznauntal! Zahlungs­kräftigen Skitouristen wird hier eindeutig der Vorzug gegeben, als wandernder Sommergast darf man sich immerhin toleriert fühlen.

Und eins geht noch: Bei einer Abzweigung betrete ich die falsche Forststraße, es regnet weitere Bonuskilometer. Zugegeben, da kann jetzt kein Paznauntaler Touristiker etwas dafür. In meinem Frust kürze ich sogar freiwillig über eine weitere Skipiste ab, meinen Knien ist das jetzt eh schon egal.

Immerhin komme ich auf meiner Route direkt in den Talort See, anstatt den Umweg über den Ortsteil Schaller gehen zu müssen. Bei der ersten Gelegenheit buche ich mich in ein Hotel-Pizzeria-B&B ein. Um meine Bedürfnisse zu stillen, muss ich für den Rest des Tages nur mehr auf der Strecke zwischen Zimmer und Gastraum pendeln.

Wer hat den Weg weggesperrt?
Wer hat den Weg weggesperrt?
Wo die Pistenraupen tanzen, wo die Schneekanonen sprüh'n...
Wo die Pistenraupen tanzen, wo die Schneekanonen sprüh’n…
Am Ziel: Der Ort See im Paznauntal
Am Ziel: Der Ort See im Paznauntal

Tag 45: See – Ischgl

Einen Bus muss ich erwischen. Der mich zum Zug bringt. Der mich zu einem weiteren Zug bringt. Der mich dann nach Hause bringt. Die Motivation für den heutigen Tag ist somit klar: Kann ich bis 14:12 Uhr Ischgl erreichen, werde ich am Abend in meinem eigenen Bett schlafen.

Ohnehin muss ich mich auf eine „Verbindungsetappe“ einstellen. 18 Kilometer und 6 Stunden am Alten Paznauntalweg prognostiziert mein Wanderführer. Da passt es gut, dass ich genau um 8:12 Uhr loskomme.

Ich rechne schon mit endlosen Asphalt­kilometern, doch gleich zu Beginn zeigt der Weg, was er kann: fast ausnahmslos schöne Wiesen- und Waldwege, erst vor dem Ort Kappl werde ich wieder mit befestigten Straßen konfrontiert. Wer dort übernachten will, kann die Planung flexibel halten, auf einer Strecke von etwa 5 Kilometern kommt man praktisch im Minutentakt an Unterkunftsmöglichkeiten vorbei.

Und auch dem befürchteten Grabenhatscher-Aspekt wird der Talweg nicht gerecht, stellenweise blickt man auf die 150 Meter tiefer fließende Trisanna hinunter.

Paznauntalweg (1)
Paznauntalweg (1)
Paznauntalweg (2)
Paznauntalweg (2)
Paznauntalweg (3)
Paznauntalweg (3)
Paznauntalweg (4)
Paznauntalweg (4)
Paznauntalweg (5)
Paznauntalweg (5)
Im Ort Kappl
Im Ort Kappl
Paznauntalweg (6)
Paznauntalweg (6)
Paznauntalweg (7)
Paznauntalweg (7)

Auch der zweite Abschnitt von Kappl nach Ischgl gefällt. Zwar ist der Straßenanteil höher, aber an der aussichtsreichen Hanglage ändert sich wenig. So marschiere ich zufrieden und bin trotz der gestrigen Erlebnisse wieder mit dem Paznauntal versöhnt. Bis ich vor den Toren Ischgls stehe…

Und peng! knallt es mir unvermittelt die Baustellen der Betten­burgen vor die Nase. Auch hier gilt: In der Winter­saison mit Schnee­decke und Weihnachts­lichter­ketten bis Ostern mag das alles adrett aussehen, aber im Sommer ist ein großer Bogen wohl der geeignete Touren­vorschlag. Immerhin bleiben mir beim Marsch durch den Dorftunnel die meisten Baustellen verborgen. Flottest mache ich mich auf die Suche nach der Bushalte­stelle. Weg von hier!

Ich vergebe 10 von 10 Betonklötzen.

Ischgl aus der Ferne
Ischgl aus der Ferne

Mit dieser Tour durch die Samnaungruppe und das Paznauntal konnte ich die noch ausstehende Reststrecke am Zentralalpenweg auf unter eine Woche drücken. Schon die nächste Tagesetappe – am Heilbronner Höhenweg – wird mich bereits nach Vorarlberg führen, sechstes und letztes Bundesland auf diesem Weg.

Fazit: Auch diesmal hatte der Weg viele wunderschöne Abschnitte zu bieten. Doch die Tourismus­zentren sollte man besser mit geschlossenen Augen durchtauchen. Gut und ernst gemeinter Eigenwerbungs-Ratschlag: Bevor ihr euch hier ein Plätzchen für euren Sommerurlaub sucht, seht euch doch bitte lieber in der Steiermark um, selbst in unseren Tourismus­hochburgen sind mir solche Bausünden bisher nicht untergekommen.

Paznauntaler Tourismus Lowlights
Paznauntaler Tourismus Lowlights

Link: Fortsetzung durch die Verwallgruppe

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3 thoughts on “Zentralalpenweg 02: Samnaun & Paznaun

  1. tja, seit „damals“, meiner jugend, als man den gepatschgletscher zum sommerskigebiet machte, als man den seilbahnausbau auf der komperdellalm begann und ladis und fiss per seilbahn verbunden wurde, habe ich keinen schritt mehr auf diesen boden gesetzt. ein boden auf dem ich viel zeit meiner jugend verbrachte, wo ich beim bauern arbeitete um mir meinen sommerwanderbergsteigurlaub zu finanzieren, in ladis, im radurschltal zirbentotschn brockend und sonstwo. schad‘, aber der zug ist abgefahren und wird sobald nicht mehr fahrplanmäßig halten…

      1. was den bergbauernbub angeht, hast nicht ganz unrecht – aber im winter mit den skischülerinnen (leider nicht nur -innen) am schlepplift fahren und dafür am nachmittag gratisfahren gab’s auch – um den „skilehrermythos“ auch noch zu strapazieren 🙂

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