4 Days in the Valley: Kamptal-Seenweg 620

Geht’s ihr den Weitwanderweg? Trotz unserer Bemühungen die Rucksäcke so klein und leicht wie möglich zu halten, erkennt uns die Taxilenkerin sofort als Weitwanderer. Der Carl Hermann war ja der Nachbar meiner Schwiegerelten.

Mit dem Altvorderen der österreichischen Weitwanderbewegung haben wir auf der Fahrt von Gmünd zum Startpunkt unserer 4-tägigen Wanderung im Waldviertel auch gleich ein Gesprächsthema.

Das Taxi setzt uns in St. Martin bei Weitra ab, dort finden wir schnell die ersten Hinweise auf den Kamptal-Seenweg. Nicht überall wird der 620er so gut markiert sein…

St. Martin bei Weitra
Die erste Markierung in St. Martin bei Weitra

1. Tag: St. Martin – Schloss Rosenau

Nur wenige Schritte nachdem wir den Ort verlassen haben gibt uns die Landschaft das Gefühl, durch die Mitte von Nirgendwo zu wandern. That’s Waldviertel!

Stall & Weide

Bekannterweise die größte Gefahr beim Wandern ist, das Gelände zu unterschätzen. Zum Glück mahnt uns ein Schild, die Leichtsinnigkeit zurückzuschrauben und die ersten Kilometer langsam anzugehen.

Alpine Gefahren
Alpine Gefahren

Mit dem Nebelstein taucht bald der Ausgangspunkt des Kamptal-Seenwegs am Horizont auf – allerdings tut er hinter uns.

Leider müssen wir aus Zeitgründen die ersten zwei Gehstunden des Wegs auslassen und fallen somit um etwa die Hälfte der Downhill-Höhenmeter des gesamten 620ers um. Wir kennen den verpassten Abschnitt immerhin als Auftakt unserer Wanderung am Weitwanderweg 07.

Am Hirtbühel, im Hintergrund der Nebelstein
Am Hirtbühel, im Hintergrund der Nebelstein

Der Rucksackoptimierung ist auch das Weitwinkelobjektiv zum Opfer gefallen. So zeigt sich die Kirche auf dem Johannesberg – unser erster Gipfel! – für Leichtgewichtswanderer nicht gerade fotogen.

Am Johannesberg
Am Johannesberg

Einen freundlicheren Eindruck machen da schon die hiesigen Kartoffelbauern, die gerade bemüht sind, das zweitwichtigste landwirtschaftliche Produkt des Waldviertels aus dem Boden zu holen.

Kartoffelernte
Kartoffelernte

Gasthöfe mit eigener Fleischerei empfehlen sich stets zur Einkehr. Einen solchen finden wir in Großschönau, die erste Rast mit deftiger Jause ist damit aufgelegt. Wir ziehen bald weiter zur Stiftsmühle und zum Engelsteiner Feld, wo uns der Weg ein erstes Rätsel aufgibt.

Nicht immer ist der Weg auch ein Weg.
Nicht immer ist der ausgeschilderte Weg auch ein Weg.
Die Markierung weist über ein frisch gepflügtes Feld
Die Markierung weist quer über ein frisch gepflügtes Feld
Unsere Umgehungsversuche sind wenig erfolgreich.
Unsere Umgehungsversuche sind wenig erfolgreich.

Zum Glück sind auch hier die Erdfrüchte bereits auf der weiten Reise in die Supermarktketten. So hält sich das schlechte Gewissen in Grenzen als wir uns letztlich doch gezwungen sehen, leichten Fußes über die Äcker zu tänzeln.

Am Ende einer kurzen Asphaltpassage rund um den Muckenberg
In 12 Metern bitte links abbiegen! Am Ende einer kurzen Asphaltpassage rund um den Muckenberg.

Die erste Flussberührung beschert uns übrigens nicht der Kamp sondern die Zwettl, die hier gemütlich dahinplätschert. Wieder ein Abschnitt mit verbesserungswürdiger Markierung, aber sowohl der Fluss zur einen als auch der steile Hang zur anderen Seite lassen hier wenig schiefgehen.

Unsere Erstbegegnung mit der Zwettl
Unsere Erstbegegnung mit der Zwettl

flusszwettl2

Vorne Wald, hinten Wald, links und rechts auch. Daher trägt diese Wiese den treffenden Namen Zwischenwald und die Baumgruppe samt Hochsitz dient uns als Rastplatz. Sonst sind wir zu früh beim Quartier, welches wir eine Stunde vor unserem Eintreffen über selbiges informieren (müssen).

Zum Tagesausklang bringt uns der Finstergraben zum Schloss Rosenau, wo es sich im Schloss-eigenen Hotel sicher fein residieren lässt. Wir ziehen jedoch das benachbarte Pensionswirtshaus vor, nicht nur unser Geldbeutel fühlt sich hier wohler.

Leider stehen wir vor geschlossener Küchentür, denn der Wirt hat seinen Koch heute an das nahebei stattfindende Feuerwehrfest verborgt. Wir sind sehr traurig.

Im Finstergraben
Im Finstergraben

Offensichtlich genügt das, um eine Mitfahrgelegenheit im Mercedes des Wirts angeboten zu bekommen. So tut die Mahlzeit nicht nur unseren Mägen Gutes sondern unterstützt auch die örtliche Feuerwehr beim Kauf eines neuen Tatü-Tata.

Achtung, eine Durchsage: Der steppende Bär wird gebeten, sich beim Feuerwehrfest einzufinden. Der steppende Bär, bitte!
Achtung, eine Durchsage: Der steppende Bär wird gebeten, sich umgehend beim Feuerwehrfest einzufinden. Der steppende Bär, bitte!

Tag 2: Schloss Rosenau – Peygarten/Ottenstein

Auch die flexiblen Frühstücksmodalitäten kommen Weitwanderern sehr entgegen. Noch am Abend wird im Fernsehzimmer ein feines Morgenmahl gerichtet, sodass wir uns bereits vor sieben Uhr vor dem Schloss auf den Weiterweg begeben können.

Schloss Rosenau
Schloss Rosenau

Da wir den Weg ja von West nach Ost gehen, wandern wir in den Morgenstunden jeweils der Sonne entgegen.

Die Sonne versteckt sich noch hinter dem Vorhang
Die Sonne versteckt sich noch hinter dem Vorhang

Dort wo sich die Sonnenstrahlen noch nicht hintasten trägt das Gras noch das Kristallkleid, welches ihm der erste Frost des Jahres angezogen hat.

Brrrr...
Brrrr…
Wandern im Gegenlicht

sonennaufgang5

Ein besonders schöner Abschnitt erwartet uns im Zwettltal, leider aktuell mit dem Makel behaftet, wegen Bauarbeiten gesperrt zu sein. Rund um die Stadt Zwettl wird eine neue Umfahrung gebaut, die Baggersleut sehen es nicht gerne, wenn man ihre Fahrspuren mit den Wanderschuhen zertrampelt.

Im Zwettltal
Im Zwettltal
Im Zwettltal
Im Zwettltal

Aber ein Zwettler Wanderweginsider steckt uns den Tipp zu, dass die Brücke eh schon fertig sei, der Weg nur ‚offiziell‘ noch nicht freigegeben. Alle gehen aber schon. Alle, das umfasst also auch uns.

Samstags sind ohnehin keine Bauarbeiter zu sehen, die uns auf die beschilderte Umleitung zurückschicken könnten. (Update: Ein paar Tage später wurde der Weg auch offiziell wieder freigegeben!)

Die Ursache der Wegsperre
Die Ursache der Wegsperre

Auf jedem längeren Weg kommt unvermeidlich jener Abschnitt, den man nicht gesehen haben muss. Obwohl wir nach der Durchschreitung der hübschen Stadt Zwettl erstmals auf das namensgebende Flüsschen Kamp treffen liegt nun eine mehrstündige Aneinanderreihung asphaltierter Wege vor uns.

Immerhin gibt die Sonne ein kräftiges Lebenszeichen, wir sind nicht die einzigen, die sich an den warmen Strahlen erfreuen.

Damit die Weitwandererhirne nicht im Autopilotmodus verkümmern, hat man hier als kulturellen Stimulus das Stift Zwettl an den Wegesrand gestellt. Leider sind heute – wir schreiben Samstag Nachmittag – keine Vorstellungen angesetzt, also sparen wir uns den Abstecher.

Stift Zwettl (Symbolbild)
Stift Zwettl (Symbolfoto)

Spulen wir also gedanklich vor bis Friedersbach, wo wir beinahe in einen Ausläufer des Ottensteiner Stausees treten. Die letzte Wanderstunde nach Peygarten-Ottenstein verläuft wieder zu unserer Zufriedenheit.

Dass unser Quartier gleichzeitig eine Pizzeria ist, soll unser Schaden nicht sein. Doch wo Licht, da auch Schatten: Prima Colazione bietet man uns ab 9 Uhr an.

Tag 3: Peygarten-Ottenstein – Thurnberger See

Doch wir verhandeln gut, bereits um sieben Uhr ist der Frühstückstisch mit frischem Brot aus dem Pizzaofen (!) gedeckt. Die warme Mahlzeit tut uns gut, denn das Spiel der Nebelschwaden am Stausee ist zwar hübsch anzusehen, bringt uns aber erstmals in der Saison unter die Haube.

Wir überqueren die Mauer, welche den Ottensteiner Stausee zurückhält. Dabei beginnt direkt am Fuße der Staumauer ohnehin bereits der nächste Stausee.

Beim Schloss Waldreichs
Wieder die typische Morgenstimmung

Nach einer langen Waldpassage betreten wir wieder offenes Land und bewundern die von den Waldviertler Landschaftsgärtnern wunderschön angelegten Zen-Gärten.

 

zengarten

Reichhalms, Wetzlas, Schmerbach sind die nächsten Ortschaften, die wir durchstreifen, bevor es wieder hinunter zum Kamp geht. Der kurze Abstecher zur Ruine Schwarzenöd ist die zwei Minuten durchaus wert. Viel mehr als dieses Mäuerchen gibt es allerdings nicht zu sehen.

Die Ruine Schwarzenöd
Die Ruine Schwarzenöd

Mit einem Abschnitt wie dem folgenden haben wir im Kamptal nicht gerechnet, plötzlich schießt der Weg kerzengerade nach oben. Nicht mehr als eine schöne Abwechslung, wäre die Passage länger, ginge sie als waschechter Klettersteig durch.

Mini-Klettersteig
Mini-Klettersteig

Krumau am Kamp
Krumau am Kamp

In Krumau kehren wir ein, um nur schnell was zu trinken, bleiben aber zwei Stunden im Wirtshaus am Platz hängen. Zum gespritzten Apfelsaft gesellen sich noch Suppe und Kuchen, und schließlich lassen wir uns auch noch zwei Schnitzel einpacken.

Letztere haben ihren Grund allerdings bereits im nächsten Etappenort, denn der angepeilte Wirt in Wegscheid will uns heute nicht haben – Mir san net do!

In Krumau bleiben wollen wir auch nicht, das würde den morgigen Wandertag zu sehr verlängern. So fördert eine Recherche eine nette Frühstückspension am Thurnberger Stausee zu Tage. Lediglich das Abendessen müssen wir selber mitbringen.

Am Thurnberger Stausee
Am Thurnberger Stausee

Tag 4: Thurnberger See – Rosenburg

Heute lassen wir die Stauseen hinter uns, ab hier darf der Kamp noch unverbaut fließen. Auch unser Weg hält sich nun öfter am Ufer auf als in den vergangenen Tagen.

Nah am Kamp
Nah am Kamp

Nebenbei: Der Kamptal-Seenweg ist ein Teil des Niederösterreichischen Mariazellerwegs, einer von sieben offiziellen Weitwander-/Pilgerrouten des Alpenvereins die aus allen Ecken Österreichs nach Mariazell führen. Womit übrigens ein neues Projekt gestartet wäre.

Doch das Beten mit den Füßen scheint das Ding der frommen Waldviertler nicht zu sein. Denn der Pilgerweg präsentiert sich mancherorts nur wenig ausgetreten.

Kein Wunder, gibt’s doch bei Hochwasser schnell mal nasse Füße.

Der Weg bis Steinegg ist bereits überschaubar. Allerdings gibt’s in diesem letzten Ort am Weg nichts zu holen, das letzte Wirtshaus hat vor kurzem zugesperrt.

Wir sind unserem Ziel bereits nahe. Nachdem sie uns mittlerweile 90 Kilometer getragen haben, gönnen wir unseren Füßen nach der Forstautobahn und dem folgenden Abstieg ins Kamptal zur Abwechslung etwas Gutes.

Gerade rechtzeitig, denn bei der Stumpfmühle ist es ohnehin vorbei mit den weichen Wegen am Fluss. Die Zufahrtsstraße der Mühle bringt uns in einer halben Stunde nach Rosenburg, wo der Kamptal-Seenweg offiziell endet.

Rosenburg am Kamp ist ein Knotenpunkt der Waldviertler Weitwanderwege. Hier könnten wir auf den Wald-Weinviertel-Weg 663 aufspringen, den wir schon im Frühjahr erkundet haben oder am Mariazellerweg 06 weiter nach Krems und St. Pölten marschieren. Wen es nach Norden zieht, der wählt den Thaya-Kamp-Weg 631.

Knappe 100 Kilometer lang haben wir nun das Waldviertel von West nach Ost durchquert. Wir immer war es eine großartige Erfahrung diese schöne, aber unaufgeregte Landschaft im Schritttempo an uns vorbeiziehen zu sehen. Touristiker, merkt Euch: Es muss einen nicht alle paar Minuten eine Attraktion oder ein Erlebnis anhupfen, das ist beim Landschaft- und Naturerlebnis meist nur im Weg.

Jedoch hätten wir uns von einem Kamptal-Seenweg stellenweise mehr Kamp, mehr Tal und auch mehr Seen erwartet. Manchmal scheint der Weg unnötig ins Hinterland abzubiegen, auch wenn der letzte Tag vieles wettgemacht hat. Fein auch, dass sich alle Quartiergeber flexibel gezeigt haben und uns zu früher Stunde ein Frühstück hingestellt haben.

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10 thoughts on “4 Days in the Valley: Kamptal-Seenweg 620

  1. Ein schöner Erlebnisbericht. 🙂
    Vielleicht auch nett zu wissen: Der AV Horn bearbeitet aktuell den Ur-Alt-Wanderführer und erscheint im Frühling 2017 in neuer Ausgabe. Wer’s halt braucht.

    1. Weiß ich, kenn ich, hab erst neulich mit Gerold Sprung (Oberboss des AV Horn) geplaudert. Er läuft mir scheinbar immer genau dann über den Weg, wenn ich einen ihrer Wanderwege angehe 😉

      Der alte Führer aus anno ’80 ist ja mittlerweile wirklich ein schmuckes Sammlerstück, die Länderbank werden’s als Sponsor wohl nimmer kriegen…

  2. Sehr schön! Weckt Erinnerungen an meine Begehung vor mehr als 30 Jahren! Da hat sich inzwischen doch ein bissl was verändert. Aber Waldviertel bleibt Waldviertel – u.zw. wunderschön!

  3. Auch vor 33 Jahren hatten wir auf Grund meiner Aufzeichnungen Probleme mit der Markierung. Schön, wenn man nach so langer Zeit wieder Fotos von einem bekannten Wanderweg sieht. Erinnerungen werden wieder wach. Danke für den Bericht.

    1. War der damals nicht noch mit blauen Punkten markiert? Einen dieser Punkte haben wir in Krumau noch gesehen, ansonsten natürlich alles rot-weiß-rot (bzw. gar nicht) markiert.

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