7 auf einen Streich! Eine Überdosis ‚weit‘ am Írottkő.

Nur 884 Meter misst der höchste Berg des Burgenlands. Zusätzlich müssen sich Österreich und Ungarn den Gipfel des Geschriebensteins teilen, vielleicht ist er gerade deshalb ein begehrtes Zwischenziel auf Weitwanderwegen beider Länder.

Gezählte sieben solcher weiten Wege werden wir heute begehen. Klar, nur kleine Stücke eines jeden.

Auch wenn der Stacheldraht des Eisernen Vorhang schon lange gefallen ist, meine Wanderplanung führt mich nur selten nach drüben. Heute soll es einmal bewusst anders werden, zu einem Guten Teil werden wir jenseits der weißen Grenzsteine wandern, die Österreich mit Magyarország verbinden.

In Lockenhaus, dort wo die penibel aufgeräumten Flussbette von Güns und Zöbernbach ineinander münden, beginnt unser Abenteuer. Bevor wir den Hauptplatz an der großen Kirche queren gönnen wir uns beim Bäcker noch eine kleine Stärkung. Das Preisniveau ist derart günstig, dass ich fast schon nachfragen will, welches Weckerl denn nun auf der Rechnung vergessen wurde (nur 1 Euro 70 will man für drei Stück Gebäck haben).

Ohne es zu merken sind wir hier schon auf den Weitwanderwegen Nummer #1 und #2 unterwegs.

#1: Der Burgenland-Weitwanderweg

Das Burgenland mag unser schmalstes Bundesland sein, der Länge nach durchquert stellt es auf diesem Weg ein Wanderprogramm für 9 nicht zu kurze Tagesetappen bereit. In Summe langt der Burgenland-Weitwanderweg für 247 Fußkilometer!

Er nimmt in der Nähe des Dreiländerecks Österreich-Slowakei-Ungarn seinen Ausgang und endet beim nächstsüdlicheren Dreiländereck (man tausche die Slowakei mit Slowenien). Im Lokalkolorit gestreift ist er nun unser rot-gelber Begleiter bis auf den Gipfel des Geschriebensteins.

Lockenhaus bereits hinter uns lassend geht es nun 500 Höhenmeter nach oben, dies wird nun für die nächsten zwei Stunden unsere Beschäftigung sein. Der schwarz-gelbe Querverkehr fühlt sich bei den heutigen Wetterbedingungen wohler als wir und ist beinahe zu schnell für meine Kamera.

#2: Ostösterreichischer Grenzlandweg 07

Ein mittlerweile alter Bekannter ist der zweite Weitwanderweg, den wir ebenfalls seit dem Aufbruch unter unseren Füßen haben. Den Weitwanderweg 07 habe ich bereits auf ganzer (710 km langer) Länge vom Waldviertel nach Bad Radkersburg durchwandert. Trotzdem ist dieser Abschnitt ein mir wenig bekannter.

Der Grund: der Grenzlandweg fährt hier zweigleisig, durch das Burgenland führt eine eigene Variante. Ich war damals auf der Hauptroute durch die Oststeiermark unterwegs.

Und da der Burgenland-07er und der Burgenland-Weitwanderweg hier den gleichen Verlauf nehmen, hält sich ersterer mit Markierungen vornehm zurück. Rot über gelb weist ohnehin den Weg. Gelegentlich lässt sich aber ein Schnappschuss von beiden gemeinsam ergattern.

Der Wegverlauf ist so, wie man es vom Burgenland erwarten wird. Für allzu schroffe Gipfel ist unser östlichstes Bundesland ohnehin nicht bekannt. Über breite Wege und vorbei an der einen oder anderen Wildschweinbadewanne schlendern wir dem Gipfel entgegen.

Doch halt! Nun will das Günser Gebirge beweisen, dass man es nicht zu unrecht manchmal als den östlichste Vorboten der Alpen bezeichnet. Es zeigt uns was es drauf hat: Erst dreht es uns im Wald beinahe das Licht ab, dann jagt es uns über die steilste Flanke des Geschriebensteins nach oben.

Die Schlüsselstelle des Burgenland-07ers.

Bald erreichen wir die beliebte Westanstiegsroute auf den Geschriebenstein. Beliebt vor allem deshalb, weil dort vom Parkplatz lediglich ein Fußweg von 15 Minuten verbleibt. Nun mischen wir uns also unter die motorisierten Besucherströme des höchsten burgenländischen Berges…

Da kommen wir her!

…die zum Glück dank der trüben Wetterverhältnisse ausbleiben. Was wir jedoch treffen, ist Weitwanderquerverkehr von rechts und links.

#3: Alpannonia

Das rot-weiße stilisierte a der Alpannonia werden wir nun öfter sehen. Dieser relativ neue „internationale“ Weitwanderweg (5½ Etappen in Österreich, eine halbe in Ungarn) führt 120 Kilometer lang von Fischbach nach Köszeg. Wir sehen hier also das Finale dieses Weges, der das Werbemascherl trägt, einer der vier Best trails of Austria zu sein

Was auch immer das bedeuten mag.

Der Weg zum Geschriebenstein wurde mit einem Lehrpfad nett gestaltet, hier etwa lernen wir gerade alles über das Mineral Serpentinit.

Angeblich ein guter Stein zum Schnitzen, mit bloßen Fingern geht’s halt nicht so gut.

Heute kein seltener Anblick…

Das Gipfelkreuz steht etwas abseits des höchsten Punktes, denn…

…der Gipfel selbst hält bereits eine Aussichtswarte besetzt.

Welchen Zweck eine Aussichtswarte bei diesen Wetterbedingungen erfüllen kann, ist fraglich. Wenn man schon nichts aussieht, lässt sich wenigstens der kalte Wind besser spüren.

Hey, zumindest die Bäume und Wolken kann ich erkennen!

Aber in dieses Gruselschloss am Gipfel muss man sich ohnehin erst einmal wagen.

Das unheimliche Gebäude hat sicher schon einige verschluckt. Wie z.B. diesen Grenzstein, der seit 1922 in seinem Bauch gefangen ist. Wer über die Wendeltreppe auf das Dach der Warte klettert, überquert dabei mehrmals die österreichisch-ungarische Staatsgrenze.

Nun geht die Zählung weiter: Hier, am Geschriebenstein (ungarisch Írottkő) treffen wir auf gleich drei weitere Weitwanderwege. Wie erklär‘ ich’s am besten…?

(Bitte habt ein paar Absätze Geduld, gleich geht’s weiter mit dem Wanderbericht)

#4: Vasfüggöny Túraút

Übersetzt bedeutet das Eisener Vorhang Wanderweg, was den Wegverlauf entlang der ungarischen Westgrenze (Rajka – Felsőszölnök – Gyékényes) auch schon ausreichend erklärt. Hier sehen wir u.a. die grüne Markierung dieses Weges:

Mit dem grünen Balken werden wir auf unserer weiteren Route heute eine On-Off-Beziehung führen.

#5: Rockenbauer Pál Dél-dunántúli Kéktúra

Zu deutsch Süd-Transdanubiens blaue Tour „Pál Rockenbauer“ (abgekürzt DDK) ist dieser Weg nur zufällig auf unsere Liste gerutscht. Er verläuft vom Írottkő bis nach Szekszárd. Gemeinsam mit zwei weiteren blauen Touren (Kéktúras) Routen steht der DDK jedoch Teil für etwas größeres.

Alle drei Kéktúras zusammen bilden den Kek-Kör (Blauer Kreis), einen Wanderweg rund um Ungarn! Der DDK bildet den westlichen und südlichen Teil der Runde.

Und den ersten – oder den letzten – Stempel holen sich Kéktúra-Wanderer genau hier, am Geschriebenstein.

Unser Weg ist der DDK – wie gesagt – nur kurz, denn wir wenden uns der anderen, hier beginnenden Kéktúra zu.

#6: Országos Kéktúra

Diese blaue Tour war die erste der drei, damals daher Blaue Landestour (abgekürzt OKT) genannt. Hollóháza im Nordosten Ungarns wäre das Ziel eines Thru-hikers, sowohl Budapest als auch der Plattensee lägen auf der 1128 km langen Route.

Auf ihr wandern wir nun Richtung Köszeg, nicht ganz so weit, denn knapp davor werden wir uns wieder dem österreichischen Staatsgebiet zuwenden.

Kartenmaterial für den ungarischen Teil unseres heutigen Tages haben wir keines dabei, die offiziellen österreichischen Wanderkarten sind jenseits der ungarischen Grenze ein qualitativer Totalausfall. Das durfte ich bei einem früheren Besuch erfahren. Andere Geschichte.

Somit müssen wir wohl uns auf die blaue Markierung verlassen, dass sie uns gut durch den Nebel leitet. Ob das eine gute Idee ist, weiß ich noch nicht. Aber wir werden schon nicht verloren gehen.

Was ich interessant finde ist, dass der Wald nur wenige Meter jenseits der Grenze gänzlich anders aussieht. Und das Wetter verleiht dem Birkenwald eine ganz besondere Stimmung.

Wunderschöner Birkenwald

An heißen Tagen gäbe es bei der Hörmann-Quelle (Hörmann-forrás) eine Erfrischung, heute ist das nicht notwendig.

Unterhalb der Nebeldecke sind die Birkenbestände nicht minder schönen Buchenwäldern gewichen.

Zum ersten Mal heute kommen wir in den Genuss von Sichtweiten über 50 Meter. Auch wenn es nicht wirklich viel zu sehen gibt, es tut gut, den Blicken freien Lauf lassen zu können.

Auch auf dieser Seite der Grenze macht man farbenfrohe Anstrengungen, dem Wanderer Wissenswertes über die Natur näherzubringen.

Wir marschieren vorbei am Museum Stájerházak. Es gibt hier einen Unterstandsplatz und vielleicht bekommt man sogar eine Jause (wir haben zumindest einen verdächtigen Herrn mit einem Kuchentablett beobachtet, aber nicht näher nachgefragt). Überhaupt gibt es entlang der Kéktúra viele Rastplätze und Sitzbänke.

Hier ist Obacht zu geben, wer genau schaut, sieht grüne (Eiserner Vorhang) und rote (Alpannonia) Markierungen links abbiegen, unser blauer Weg folgt dem kleinen Sträßchen geradeaus.

Nach dem kurzen Asphaltausflug werden die Wege wieder abwechslungsreicher, wir streunen durch die ungarischen Wälder. Zwei mal zwei Mountainbiker sind die einzigen anderen Outdoorsportler, die wir heute treffen.

Lange haben wir den Nieselregen ignoriert, es hat nichts geholfen. Immer stärker prasseln die Tropfen auf uns ein, irgendwann müssen wir in die Regenmontur.

Die Markierung ist perfekt, nur selten sehen wir uns gezwungen, nach den blauen Streifen Ausschau zu halten. Da wir ohne Karte wandern, kann der Weg immer wieder Überraschungen für uns bereithalten: Plötzlich steht dieses dezente Türmchen vor uns, es ist der Óház-tető.

Óház-tető
In den Baumkronen herbstelt’s schon.

Die Niederschläge werden stärker, der Weg immer steiler und dem Handy geht vorerst der Saft aus. Daher gibt es für eine Weile keine fotografische Dokumentation. Was es dafür gibt, ist eine Planänderung.

Wir wollten ursprünglich nach Rattersdorf (dem letzten Außenposten Österreichs vor der Grenze) absteigen und anschließend auf der anderen Talseite zurück nach Lockenhaus wandern. Der Regen und die fortgeschrittene Nachmittagsstunde zwingen uns, die Runde aber etwas zu kürzen.

Wir also bleiben vorerst auf ungarischem Terrain und wandern erneut auf einem kleinen Sträßchen westwärts. Die Tropfen lassen langsam nach, das Handy wird an die Powerbank gesteckt und bald kann ich wieder einen blauen Lichtblick fotografieren.

Die Abkürzung war tatsächlich eine gute Wahl, wir dürfen auf der Höhenstraße sogar richtig in die Ferne blicken und dank der ausgezeichneten Arbeit der ungarischen Openstreetmap-Community finden wir eine optimale Route zurück nach Österreich.

Blick auf Rattersdorf

Ein Feldweg bringt uns zurück, hier genau an der Grenze hat uns Österreich ein Stück grünen Teppichs ausgerollt.

Achtung!

Die heimatlichen Gefilde (genaugenommen handelt es sich um die burgenländische Metropole Hammer) betreten wir stilecht durch die…

Und genau vor der Kirche machen wir die sieben Weitwanderwege voll.

#7 Via Mariae

Ein Marienpilgerweg aus dem fernen Transsylvanien führt uns also zurück nach Lockenhaus (und wollten wir weitergehen weiter bis nach Mariazell). Dieser hat landschaftlich sicher schöne Abschnitte zu bieten, hier hat man ihn jedoch auf den asphaltierten Radweg entlang der Güns gelegt.

Der Markierungsstein vermittelt dem Pilger alles was er wissen muss.

Andächtig nehmen wir also die letzten 3.2 Kilometer in Angriff, wir spüren langsam, für heute ist’s genug. Die Sonne gibt auch bereits ihre Abschiedsvorstellung.

Als die Burg Lockenhaus in Blickfeld kommt, ist es nicht mehr weit. Gleich dahinter steht unser Auto.

Leider nicht #8: Europäischer Fernwanderweg E4

Hätten wir unsere Tour am Ende nicht etwas kürzer fassen müssen, wären wir auch noch in den Genuss eines achten langen Weges gekommen. Der Europäische Fernwanderweg E4 verbindet den südwestlichsten Punkt des europäischen Festlands (Kap St. Vinzenz in Portugal) mit der Insel Zypern – dazwischen schlappe 10.500 Kilometer.

Jenen kurzen Abschnitt davon, der die Lücke zwischen unserer heutigen #2, den Ostösterreichischen Grenzlandweg mit der Nummer #6 Országos Kéktúra schließt, wollten wir uns heute eigentlich ansehen, doch nun haben wir Grund für einen weiteren Besuch im Burgenland.

Da werden wir dann aber etwas früher aufstehen müssen, 11 Uhr ist für diese Runde als Startzeit etwas zu spät.

Sieben sind auch genug…

…sind doch über 27 Kilometer zusammen gekommen, etwa acht Stunden waren wir unterwegs.

Die Runde werden wir bei Schönwetter sicher wiederholen, bis dahin kann ich mich ja noch ein wenig der Literatur widmen.



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4 thoughts on “7 auf einen Streich! Eine Überdosis ‚weit‘ am Írottkő.

  1. Vielen Dank für den interessanten Blog und die schönen Bilder!

    Als Steuerberater habe ich leider oft nicht die Zeit viel zu Wandern und freue mich dann immer über Beiträge wie diesen, in dem ich mich schöner Orte und deren Szenerie erfreuen kann ohne dass ich vor Ort sein muss.

    Liebe Grüße Michael Keulemann, Hannover.

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