Rupertiweg 10: Nur bergauf statt viel bergab

Eigentlich hätte mich die Fortsetzung am Rupertiweg über den Salzburger Untersberg führen sollen, am Zeppezauerhaus habe ich – zwei Jahre ist das schon her – wegen Schlechtwetters abbrechen müssen. Der erfreuliche Plan: Mit der Seilbahn gemütlich hinauffahren  und anschließend fast ausschließlich talwärts an den Königssee wandern.

Eigentlich. Denn bergab werde ich heute keinen einzigen Meter gehen. Und das kam so…

Ganz vorbildlich ist bereits am Vorabend alles gerichtet für einen frühen Aufbruch. Um 5:45 werde ich am Montag im Zug nach Norden sitzen. Meine liebste Mitwanderin von allen räumt noch hilfsbereit meine Schuhe von A nach B, dabei fällt ihr auf, dass diese an den Fersen kein Profil mehr aufweisen. So, erklärt sie mir, wird sie mich keinesfalls alleine ins Hochgebirge entlassen.

Und das tut sie mit einer besorgten Bestimmtheit, die sofort klar macht: ein Mal, zwei Mal werde ich noch widersprechen, danach ist das Thema automatisch zu Ende diskutiert. Und während mir klar wird, dass vor morgen 5:45 Uhr keine Schuhe zu bekommen sein werden, zerbröselt gleichzeitig der sorgfältig ausgearbeitete Etappenplan durch das Steinerne Meer vor meinen Augen.

Also bin ich gezwungen umzubuchen, die Wahl fällt auf das südliche Ende des Rupertiwegs: In die wenig bekannte Latschurgruppe, einem Teil der Gailtaler Alpen werden mich also die nächsten Wandertage führen.

So bleibt mir an jenem Montag Morgen ausreichend Zeit, eine neue Bereifung zu erstehen, mit dem Bus nach Klagenfurt zu fahren und von dort per Railjet weiter in die Nähe des Millstättersees.

Tag 10: Spittal/Drau – Goldeckhütte

Das war also die Geschichte, warum ich am frühen Nachmittag mit nagelneuen Wanderschuhen am Bahnsteig 3 von Spittal an der Drau stehe und meinem Zug hinterher blicke, der ein wenig aus der (Jahres-)Zeit gefallen zu sein scheint.

Nachdem ich mich am Bahnhof noch für einen Stempel angestellt habe, finde ich schnell den Weg über die Drau und auf dem jenseitigen Ufer empfängt mich der erste Ruperti-Wegweiser. 4:15 Stunden lang will dieser mich nun zur Goldeckhütte wandern sehen. Ich kann nicht anders, als dies persönlich zu nehmen, wäre ich doch gerne vor 18 Uhr auf der Hütte.

Doch das Match Wegweiser vs. Gert hat noch gar nicht richtig begonnen, da gefrieren mir bereits die Schweißperlen auf der Stirn.

Immerhin darf ich hier schwitzen während sich andere gerade bei der Berg- oder Talfahrt in einer zugigen Gondel eine Verkühlung zuziehen.

Über weite Strecken führt der Aufstieg über einen alten Zufahrtsweg. Eine gleichmäßige Steigung sorgt für rasches Vorankommen, kein Überkraxeln von Fels und Wurzelwerk ist nötig. Zwischendurch berührt man immer wieder eine Forststraße jüngeren Semesters.

Hier wollte der zuständige Wegewart wohl seinen Rucksack um einige überzählige Tafeln erleichtern. Doch wer mit freiem Auge eine Forststraße von einem Wanderweg zu unterscheiden weiß, wird hier den schöneren, linken Weg wählen.

Ich komme gut voran, die Gehzeiten auf den Wegweisern purzeln flott vor sich hin. Als sie das erste Mal unter eine Stunde fallen erscheint mir das aber doch sehr optimistisch.

Bei der Schwaigeralm versteckt sich Bier im Brunnen, doch es nicht klar, ob dieses für die Allgemeinheit zur Verfügung steht oder nur für den Hirten gedacht ist. Noch weniger ist klar, ob ich nach jenem Bier noch imstande wäre weiterzugehen oder mir einen Unterschlupf im Stadel suchen müsste.

Nicht mehr weit unter der Goldeckhütte wartet der Alpengasthof Krendlmar auf Kundschaft. Hier kann ich dann doch nicht mehr widerstehen und pausiere ein wenig in den bereitgestellten Liegestühlen.

Ho-ruck, der letzte Aufschwung ist geschafft, bald taucht der Giebel der Goldeckhütte vor mir auf.

Du bist mei Schlafgast? stellt die Hüttenwirtin gleich zur Begrüßung klar, dass heute Abend nicht mehr mit großem Andrang zu rechnen sein wird. So kann ich unter den 14 Schlafplätzen frei wählen und mache es mir im Lager gemütlich.

1400 Höhenmeter Hüttenzustieg habe ich nun hinter mir, soll ich nun den Blick zurerst auf das Panorama oder doch die Speisekarte richten? Dies ist wohl der Grund, warum Menschen mit zwei Augen ausgestattet sind.

Das Essen ist heute echt ein Schmarrn, nicht nur der Kaiser hätte seine Freude dran. Lediglich bei der Frage mit Heidelbeeren? oder mit Apfelmus? vermag ich eine gewisse Entscheidungsschwäche nicht verbergen.

Und die Portion ist so umfangreich, dass ich schweren Herzens einen Gutteil davon zurückschicken will. Doch mit Ich pack ihn dir ein, dann hast an Kuchen morgen! weiß die Wirtin hier die beste Lösung.

Der Tag geht vorwiegen mit Sitzen zu Ende, der Blick in alle Richtungen ist tadellos. Doch noch bevor die Sonne hinter dem Horizont verschwinden kann, tue ich dasselbe ich im Matratzenlager unter dem Dachboden.

Bergauf statt bergab, das war also mein knapp vierstündiger Wandertag. Dafür darf ich den Tag nun oben statt unten beenden. Und mich auf morgen freuen!



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